Schmuggel und Wildern

ca. 1960, erzählt von Hans Rucker

Auf bayrisch: „Schwirzen und Wuid-Dieberei“. Auf tirolerisch: „Paschen und Büxlan“. Der Ausdruck „Schwirzen“ kommt vom Schwärzen der Gesichter. Damit die Zollbeamten, in Tirol „Finanzer“ genannt, die Schmuggler nicht erkennen sollten, wenn sie sie irgendwo im Gelände mit dem Fernglas aufspürten, schmierten sie sich die Gesichter mit Ruß an.

Was jedenfalls auch auf des Grenzgebiet im Bereich von Klausen, Feichten und Spitzstein in Sachen Wilderei zutrifft, beschreibt Adlmaier sehr zutreffend in „Jäger und Wilderer“, Seite 203 im Quellenband Nr. II zur Chronik Aschau:

„Im ewigen Krieg zwischen Pflicht und Leidenschaft spielen sich im bayerischen Gebirge jedes Jahr Tragödien ab. Sie werden ausgetragen zwischen dem Jagdschutzbeamten und dem Wilderer. Erst im Jahr zuvor (1933 d. Verf.) hat ein Tiroler Wilderer im Spitzsteingebiet sein Leben gelassen, weil er die Grenze nicht respektierte. Die Grenze zwischen Tirol und Deutschland ist überhaupt ein unruhiges Gebiet. Da liegen herüben die gepflegten Hirsch- und Gamsreviere des Freiherrn von Cramer-Klett. Gamsrudel bis zu 20 und 30 Stück beleben die Felshänge, und das Gebiet ist so groß, dass ein einschichtiger Jäger kaum herumkommt.

Von drüben sieht man den Wildreichtum, sieht auch die Jagdhütte des Försters. Das Revier in Tirol ist „ausgeschossen“, kein Schwanz mehr zu sehen. Und drüben die volle Wildkammer. So wird der Jagdkarteninhaber in Tirol bei nächster Gelegenheit ein Wilderer in Bayern.

Aber die Jäger sind scharf auf der Paß, sie hüten ihr Revier unermüdlich. Und Schneid haben die verhassten Bayernjäger auch, sie fürchten keinen Schwarzgeher, wenn der Tiroler Wilderer auch meist in Gesellschaft zu dritt und fünft zum „Büxlan“ geht.“

Als Grenzübergang zum Warenschmuggel war das Klausengebiet infolge der ungünstigen Zuwegungen und der Höhenlage nicht zu häufig gewählt worden. Da gab es viel günstigere Schleichwege an der dem Priental gegenüberliegenden Bergseite. Heute noch wird der Steig von der bayrischen Ackeralm zu den Tiroler Wandbergalmen der „Schwirzersteig“ genannt.

Als ein Föhnsturm an einem Kaser auf der Klausen (Wimmerhütte) das Blechdach auf einer Seite weggerissen hatte, transportierten die Pächter zu Rollen gebündelte Blechstreifen von der Baumgarten zur Klausen rauf. Dort begrüßte sie schon der österreichische Finanzer mit einem Zollstrafzettel von 700 Schilling.

Der Hans wählte diesen Übergang auch für manchen Schmuggelgang aus. Die österreichischen Finanzer hatten schon Verdacht geschöpft und wollten ihn auf frischer Tat ertappen. Der Hans war aber auch diesmal wie immer recht vorsichtig. Er deponierte den Rucksack mit dem Schmuggelgut in unmittelbarer Grenznähe und ging dann zum nahe gelegenen Klausen-Bergwirthaus, um die Lage auszukundschaften: Ob die „Luft rein ist“, und ob seine Tiroler Abnehmer schon anwesend waren. Der Finanzer sah den Hans heranschleichen, packte ihn dann von hinten an der Joppe und sagte: „Jetzt hab i di endlich dawischt!“. Der Hans reagierte blitzschnell. Er schlüpfte einfach aus der Joppen und lief Richtung nahe gelegene Grenze davon. Es war stockfinstere Nacht. Bis der Zollbeamte mit dem Hans seiner Joppen in den Händen reagierte, lief der Hans Richtung Grenze davon.

Auf der deutschen Seite konnte der Tiroler Finanzer ihm nichts mehr anhaben. Der Hans zog den Rucksack aus dem Latschenversteck hervor. Dann nahm er die oben angebundene Trompete herunter und blies Richtung Klausen dem Tiroler Finanzer a lustig’s Liadl umi.

Die Bergsteiger, Skifahrer und Hüttenpächter störte die mitten durch das Klausengebiet sich hinziehende Landesgrenze wenig oder gar nicht, wenn man sie in Ruhe ließ, d.h. sie ihren Sport treiben ließ und die Gemütlichkeit nicht durch übereifrige Zollkontrollen beeinträchtigt wurde. Denn sie waren keine Schmuggler, hatten überhaupt kein Interesse an dieser staatsfinanzenvernichtenden Tätigkeit und wollten eben nur in Ruhe gelassen werden. Die professionellen Schmuggler suchten andere, verschlungenere, dunklere und bequemere Wege als über die Klausenhöhe. Trotzdem tauchten die Tiroler Finanzer zeitweise auf der Klausen auf und taten als brave Staatsdiener manchmal auch mit etwas ausgeprägtem Übereifer ihren Dienst.

Wenn einer dieser jungen Zollanwärter von seinem Vorgesetzen zusammengestaucht wurde, dass es höchste Zeit wäre, irgend eine Anzeige abzuliefern, dann wurden halt mal wieder die Rucksäcke der Klausentouristen gefilzt. Wenn es dann der Zufall wollte, dass einer der Hüttenpächter eine nagelneue Batterie zum Betrieb seines auf der Hütte installierten Autoradios im durchsuchten Rucksack mitführte, dann wurde der Finanzer sehr amtlich und bezichtigte den ahnungslosen Bergsteiger des Warenschmuggels. Da war dann Geldstrafe und Verzollung des „wertvollen Schmuggelgutes“ fällig.

So reifte in den Hirnen der Klausner auch mancher Gedanke, wie man den Finanzern irgend eines auswischen konnte. Als der Thedy und der Muggl einmal über den Grat des Klausenberges gingen, kamen sie kurz nach der Klausenhütte zum großen Grenzstein mit der Kennzeichnung B (Bayern) und auf der gegenüberliegenden Seite dem eingemeißelten T (Tirol). Der Thedy. immer zu einer Gaudi aufgelegt, sagte augenzwinkernd zum Muggl: „Am liabsten tat i ehna den Stoa amal umschmeißen und a Stückl weit obikugeln lassen. Da möchte i dann zuaschaun, wias schwitzen, wenns’n wieder aufaziag’n müassn.“ Da lachten die beiden und gingen weiter.

Aber irgendwann war es dann soweit, dass die Finanzer wieder einmal strengen Dienst walten ließen. Auf der Klausenhütten hockte ein ganzer Tisch Bergkameraden beisammen, darunter auch der Thedy und der Muggl. Es war ein Herbsttag am Spätnachmittag, als die ersten GIäser Tiroler Roten geleert waren. Es blieb nicht dabei. Bis in die Nacht hinein wurde dem gar so köstlichen Edelvernatsch aus dem sonnigen Südtirol gar munter zugesprochen. „A so a Rausch, der hat a Kraft“ sagt Karl Stieler in einem seiner Mundartgedichte. Diese unbändige Kraft verspürten auch der Muggl und der Thedy, denn sie fassten plötzlich den Gedanken, nicht südwärts zu ihrer Kogelhütte heimzugehen, sondern heute sollte der schon mal ins Auge gefasste Plan umgesetzt werden, einfach mal probieren, ob sich der nahe gelegene Grenzstein nicht doch umschmeißen lässt.

Nicht mehr ganz der sich daraus ergebenden Folgen bewusst, aber vom Rotwein mit einer übermenschlichen Kraft ausgestattet, gingen sie ans Werk Tatsächlich war die vom Rausch beflügelte Kraft so stark, dass der Grenzstein umfiel und auch noch ein paar Meter den Abhang hinunterkugelte. Niemand hätte die Übertäter erwischt, wenn nicht ein später Tourengeher dies von gar nicht so weiter Entfernung beobachtet und zur Anzeige gebracht hätte. Als den beiden dann die Strafanzeige zugestellt wurde- die übrigens nicht ganz billig gewesen sein soll – sagte der Thedy zum Muggl: „Neamand hätt uns derwischt, wenn net grad der saubläde Vollmond durch die Wolken blinzelt hätt, wo uns der Grenzstoa auskemma is!“