Sauwetter und Nebel

ca. 1955, erzählt von Hans Rucker

Nachdem der Sepp aus Altersgründen sich als Klausen-Wirt verabschiedet hatte, übernahm die Bewirtung die Foidl Lies und der Toni. Das war Ende der Fünfziger-Jahre. Der Günter, der Sepp, der Maschtei und ich verbrachten einmal eine ganze Woche bei der Lies zum Skifahren. Und da war ja auch noch das Hannerl, a frisches, hübsches, junges Dirndl als Bedienung und Küchenhilfe droben. Wenn das Hannerl dann noch auf der Zither aufspielte, und manchmal, wenn beide gut aufgelegt waren, die Lies und der Toni im Wechselgesang oder als Duo ihre G’stanzl sangen, da kam keine Langeweile auf.

Wenn die „graue Sau“ – wie der Nebel von der Jägern bezeichnet wird – reinbricht, dann verliert sogar oft auch der ortskundigste Bergsteiger die Orientierung. Da ist das Klausengebiet besonders berüchtigt. Der Willi verbrachte alleine eine Winternacht auf der Blechhütte. Als der Tag dämmerte – er lag noch im Bett -, hörte er ein Klopfen an der Türe. Dichter Nebel umgab die Hütte. Der Willi öffnete die Tür, und vor ihm stand ein Mann, abgekämpft, apathisch und verstört. Gleich erkannte ihn der Willi nicht, dann aber bemerkte er, dass es der Toni war. Der Willi heizte sofort den Ofen ein, weil, wie er sagte, der Toni erst einmal aufg’leint werden musste. Als sich dieser einigermaßen erholt hatte, erzählte er sein Erlebnis:

Er war alleine mit den Tourenskiern beim Aufstieg, als am Klausenschinder der Nebel einfiel. Im immer dichter werdenden Nebel spurte der Toni weiter. Er kannte das Gebiet recht gut, weil er ja auch zu jeder Jahreszeit schon oft im Klausengebiet unterwegs war. Anfangs war er recht zuversichtlich und dachte bei sich: „Aha, jetzt bin i ja scho bei dera Fichtengrupp’n, dann is gar nimmer weit“. Aber es kamen immer neue Fichtengruppen, die genauso aussahen wie die erste. Einzeln stehende Baumriesen ragten in einer Höhe in den Nebel hinein, wie er sie so noch nie wahrgenommen hatte. Neben ihm reckte sich ein Wacholderstrauch aus dem Schnee, so bizarr, wie er es dort oben noch nie gesehen hatte. Dann war auf einmal nichts mehr da, kein Baum, kein Gestrüpp, kein Felsbrocken, nur mehr der graue Nebelschleier und mit seinen Skiern spurte er durch eine milchige Schneedecke. „Jetzt nur immer rechts halten, dann muss bald die Klausenhütte hergehen“ so dachte der Toni und spurte weiter.

Plötzlich neigte sich der Hang und es ging abwärts. Und da wurde dem Toni zum ersten Mal bewusst, dass er sich verstiegen hatte. Er spurte zurück und setzte weiter rechts von neuem eine andere Richtung an. Nichts war zu sehen. Dann brach die Nacht herein. Ein saukalter Wind blies immer neue Nebelfetzen über den Klausengrat. Der Toni spurte weiter, denn er wusste, dass, wenn er auch jetzt dringend eine Rast nötig hätte, ein sich Hinsetzen und womöglich noch einschlafen den sicheren Tod bedeutet hätte. „Nur nicht aufgeben, weiterspuren, weitersuchen, weiterhoffen, die Klausenhütte muss doch da irgendwo hergehen.“ Das waren die Vorsätze, die sich der Toni immer wieder ins Gedächtnis rief.

Er wusste nicht mehr, wie lange er im Nebel umhergeirrt war, da stand plötzlich ein Geisterhaus vor ihm. Der Nebel hatte optisch auch die Klausenhütte verändert, weil sie dem Toni ganz anders, schemen- und geisterhaft erschien. Als er dann bemerkte, dass die Wirtsleut nicht auf der Hütte waren, eben niemand auf der Hütte war, da war er nicht nur enttäuscht, sondern fast verzweifelt. Da werden Gedanken durchgespielt wie: Fenster einschlagen, Türe aufbrechen oder – der letzte Gedanke in Richtung Hoffnung war, zu den nebenstehenden Almhütten zu gehen und schauen ob dort jemand zufällig drin ist. Aber auch dort war niemand anzutreffen. Bei der Haflingerhütte war ein Misthaufen und dieser lag an einer ziemlich windstillen Ecke. Dort schaufelte der Toni mit den Skiern den Schnee weg und hockte sich auf den Misthaufen. Wenigstens wurde es ihm von unten nicht zu kalt. Er versuchte, sich wach zu halten, stand von Zeit zu Zeit auf, bewegte Hände, Arme und Beine, obwohl alle Gliedmaßen im Fortschreiten der nächtlichen Kälte immer steifer wurden.

Als der nächste Tag sich mit einem diffusen Lichtschimmer ankündigte, der Nebel sich gottseilob nur mehr in schwebenden Nebelfetzen erahnen ließ, da verließ der Toni seinen Misthaufen, der ihm für diese schreckliche Nacht nur unzureichenden Schutz bot, aber doch sein Überleben mit begünstigte. Aus dem Kamin der Blechhütte, die drüben am Weg zur Feichten stand, kam wohl kein Rauch mehr, doch drang der feine Geruch des nachts verbrannten Holzfeuers dem Toni in die Nas’n. Da drüben könnte jemand auf der Hütte sein? Dann schnallte er mühsam seine Ski an, trabte halb erfroren und übernächtigt der Blechhütte zu, klopfte mit letzter Kraft an die Tür und weckte dabei den noch schlafenden Willi.

Ebenfalls im Nebel verlaufen hatte sich der Alfons, der bis 1960 die südlich der Haflingerhütte stehende AIm auf der Klausen mit seiner Frau Maria gepachtet hatte. Nachdem er schon etliche Zeit im Nebel herumgeirrt war, hängte er den schweren Rucksack an einen Baum, um ohne diese Rückenlast besser und schneller vorwärts zu kommen. Nach einem Herumirren von knapp fünf Stunden erreichte er dann doch die schützende Hütte. Tags darauf fand er seinen Rucksack weit abseits des üblichen Aufstiegsweges am Hang des Klausenberges.

Nachbemerkung: Diese Erzählungen aus dem Klausengebiet habe ich Anfang des Jahres 2007 niedergeschrieben, weil mich ein Artikel in der Zeitschrift „Region Rosenheim“ von Manfred Stöger dazu animiert hat. Der Titel lautete : „Abgesang auf eine alpine Tradition- die Klausenhütte in den Chiemgauer Alpen wird wohl für immer geschlossen.“ Weil nun auch die 120-jährige Tradition dieser beliebten Bergsteigerhütte zu Ende geht, sollten meine Erzählungen quasi als Vorspann zu dem sehr treffend geschriebenen Bericht von Manfred Stöger dienen.