Lawinen

ca. 1970, erzählt von Hans Rucker

„Wennst as heut Nacht richtig rumpeln hörst und der Wind blost auf einmal, dass’d moanst des Hüttendach fliagt davo, nacha laant der Monte.“ Das sagte der Willi zu mir als ich ihn auf der oberen Baumgartenalm an einem Wintertag besuchte. Ich wollte dort mit ihm ein paar Tage beim Skifahren verbringen. Da er schon viele Jahre Winterpächter auf dieser Alm war, wusste er die Wettersituation ziemlich richtig einzuschätzen. Auch kannte er die Lawinengefährlichkeit seines Hausberges, des Monte, wie er von den Klausnern genannt wurde. Eigentlich handelt es sich um den nördlichen Steilhang des Klausenberges.

Die Lawinengefährlichkeit dieses Abhanges, der von Steilrinnen senkrecht durchfurcht ist, war den einheimischen Skifahrern wohl bekannt. Als ich als ziemlich junger Hupfer bei einer Skiabfahrt über den Klausenberg mit dem wesentlich älteren und sehr bergerfahrenen Thomas von oben auf den Monte reinschaute, sagte dieser zu mir: „Des muaßt dir merken: Vor Josefi derfst’n überhaupt net fahren. Und nach Josefi (19. März) erst, wenn der Schnee ganz fest worn is, so umara Neune in der Früa, wenn die erste Sonn einischeint, und a leichter Firn drauf is. Da is dös ein Hochgenuss, aber auf Mittag zua da wird er schon wieder z’gfährlich. Wenn die Sunn mehr Schnee aufgwoacht hat, dann reißt er oben ab, und die Schneebretter sausen oba und nehmen di mit.“

An diesen nordseitigen Hängen im Klausengebiet war die Lawinengefahr genauso groß, wenn der West- oder der Föhnwind Schneeverfrachtungen hineingeblasen hatte oder wenn größere Mengen Neuschnee gefallen waren. Die Jungen lernen es von den Alten, oder sollten es wenigstens. Aber die Jugend ist skeptisch, geht eigene Wege, oftmals auch das Risiko nicht richtig einschätzend. Sonst hätte ein junges Tourenfahrerpärchen, das bei hohen Neuschneeverfrachtungen vor etwa 10 Jahren den Monte herunterfuhr, nicht ihr Leben in einer Lawine beenden müssen.

Als mir der Thomas seine Ratschläge erteilte, gab es noch keinen Lawinenwarndienst. Da musste man sich auf die Erfahrung, die Ortskenntnis, das Gefühl für Wetter- und Schneesituationen der alten Skifahrer verlassen. Und die waren meistens richtig gelegen. Aber halt auch nicht immer. So wie heute durch wissenschaftliche Erkenntnisse, Schneeprofile und Lawinenwarndienst immer noch Unwägsamkeiten, Unsicherheiten und plötzliche unvorhersehbare Naturereignisse eintreten können, waren die Tourenskifahrer in früheren Zeiten trotz ihrer Erfahrung genauso diesen unberechenbaren Launen der Natur ausgesetzt.

Falsches Einschätzen der Schneelage, Leichtsinn oder, wie es einmal dem sehr bergerfahrenen Willi passiert ist: Hudelei, weil’s pressiert – und schon wurde er von einer Lawine erfasst. Er hat mir dieses schicksalshafte Ereignis einmal selbst erzählt: „Die ganze Nacht war Schnee gefallen! Wie ich auf der Hütt’n (Baumgartenalm) beim Fenster raus schau, d’Sonn hat schon von Osten her reinblinzelt und der Pulverschnee hat in reinstem Weiß aufg’leucht. Es war ein Wintertraum! Aber, aber leider hab i runterfahren müssen nach Aschau in mei Fotog’schäft, und pressiert hat’s a noch. Wenn ich die normale Route nimm – untere Baumgartenalm, Brotzeitwand, dann durch den lichten Wald zum Elandschinder – dann kost mi des mindestens a halbe Stund mehr Zeit, wia wenn i glei von der oberen Baumgarten in den Nordhang reifahr und dabei die Spurerei übers Brotzeitwandl einspar. An Monte derfat ma bei dem Neuschnee gar nia net fahren, aber des Hangerl da von der Hütten oba, da hab i überhaupt net an a Lawin denkt.

I fahr in den Hang ei und scho hör ich an harten, hellen Kracher, so wia wenn oaner an starken Ast abbricht. Ich setz sofort zur Schussfahrt an – wer wird schneller sein, die Lawin oder ich? Ich hab bei dem Pulverschnee koa Chance mehr g’habt.

Von hint hat’s mi überrollt, i bin in dem Schneechaos mitgrissen worden wia a Putzlumpen. Um mi rum war’s ganz finster, und i hab nimmer g’wußt, wo oben oder unten ist. Dann hat’s ma den Brustkasten zuadruckt, so stark, dass i nur mehr drauf gwart hab, bis er z’sammkracht. Und wia mir in diesem Moment klar wird, dass in der nächsten Sekund des Leben aus ist, da lasst der Druck auf einmal nach, vor meinen Augen wird’s heller, und i schwimm fast ohne eigenes Zutun an die Oberfläche. Vor mir steht ein riesiger, einzeln stehender Baum, an dem sich die Lawin geteilt hat, und durch dieses seitwärtige Abgleiten der Lawine bin i doch noch lebendig rauskemma. Sogar oan Ski hab i no dran g’habt, und der zwoate is neben mir gwen.

Dann hat’s mir nimmer pressiert. In der Högermühl-Wirtschaft bin i eikehrt und hab mir a Schwarzmarkt-Zigarette um fünf Reichsmark beim Wirt kauft, und die hab i in aller Ruhe graucht. Gfühlt hab i mich wia neu geboren.“