Gewittersturm

ca. 1943, erzählt von Hans Rucker

Kurz vor meiner Einschulung in die erste Klasse – es war im Kriegsjahr 1943 – mieteten meine Eltern auf der Klausen eine private Hütte – die Koglhütte – für eine Woche. Bereits nach einer Stunde Aufstieg schob sich eine grimmig schwarz heranstürmende Gewitterwolke über die Zellerwand aus dem Westen heran, und wir suchten auf der nahegelegenen Eland-Alm einen Unterschlupf. Die Helln-Nani, die Tochter unseres Nachbarbauern war dort Sennerin, und nachdem der Gewitterregen bis zum Abend nicht aufhörte, richtete sie uns ein Nachtquartier im Heu ein. Meine Liegestatt war etwa 30 cm unter dem nicht eingeschalten Dach. Kurz nachdem ich eingeschlafen war, setzte ein Hagelschauer ein, und die Hagelkörner donnerten mit einem solchen Lärm auf die Dachplatten, dass ich Angst hatte, das ganze Unwetter würde über mich hereinbrechen.

Ich fürchtete mich so, dass ich am liebsten in den Keller runter gerannt wäre. Tags darauf gingen wir weiter bis zu unserem Quartier. Am Abend gingen wir in die nahegelegene Unterkunftshütte „Klausenalm“, weil dort der Bergwirt, der Klausensepp, Harfe spielte. Als meine Eltern mit mir zur Koglhütte zurückgehen wollten, war wieder ein Gewitter im Anmarsch. Ich lief aus der Türe der Unterkunftshütte, und sofort packte mich der dort mit Orkanstärke durchziehende Sturmwind, hob mich vom Boden weg, und ich weiß nicht mehr wie weit mich dieser Wahnsinnssturm wegtrug. Ich hörte nur noch meinen Vater meinen Namen schreien, und dann war totale Finsternis und solche Windstärke, dass ich im Gras liegen blieb. Ich traute mich nicht mehr aufstehen, dass mich der Sturm nicht noch weiter den Berghang hinunter fortwehte. Dann kamen einige Männer, die mit Sturmlaternen das Gelände absuchten und mich fanden. Die Zeit und die sich dazu gesellende Angst reichte aus, dass ich durchnässt und verdreckt wieder zurückgebracht, einen richtigen Schüttelfrost bekam. Man wickelte mich in Decken, und mein Vater trug mich die kurze Strecke bis zur Koglhütte. Damals schwor ich mir, nie mehr auf eine Hütte zum Übernachten zu gehen. Und auf die Klausen wollte ich schon gleich gar nie mehr.

Der Irgei, ein etwa 15-jähriger Tiroler, half damals dem Klausensepp bei der Arbeit. Ich erinnere mich an ihn, weil er mit einem Muli Lasten auf die Klausen transportierte und mit seinem Tragtier Gespräche führte. Das war mir fremd, denn die Bauern in meiner Nachbarschaft schimpften oder fluchten meistens, wenn sie mit ihren Ochsen fuhren.

Nachdem wir schon etwa einen Monat wieder daheim waren, brachte der Irgei den Hut meines Vaters vorbei. „Gell, des is der dei“ sagte er in Erwartung eines entsprechenden Finderlohnes. „Der selbigs teuflische Wind hat’n sakrisch weit furttragen. Auf der Klausenberg-Nordseiten is er anara Latschn hängablieb’n!“