Der Feuersalamander

ca. 1961, erzählt von Klaus Seebauer

Damals hatten die jüngeren von uns noch kein Fahrzeug außer dem Fahrrad, der Sepp aber konnte sich von seinem Lehrlingslohn beim Mehlhart schon ein ordentliches Moped leisten. Die gemeinsame Fahrt in die Berge ging dann in der Ebene im Windschatten hinterm Sepp und bergauf durfte immer einer neben dem Sepp fahren, mit der Hand auf der Schulter vom Sepp.

So war s auch bei dieser Geschichte: Die spielt noch lange vor der Zeit, als der Hans dachte, unser Sepp könne nicht lesen (das mit dem „Nichtlesenkönnen“ kommt in einer anderen Geschichte). Wir dachten nämlich, er könne auch nicht sprechen: Es ging auch immer verdammt wortlos zu, wenn wir uns mit dem Sepp für eine Bergtour „verabredeten“. Nach dem Film-Casino, beim Wenzel Meinolf rechts, hinterm Mehlhart wieder rechts, ein Fingerpfiff, Sepp streckte seinen Kopf aus dem Fenster, Frage: „Gehst Du am Sonntag auf das X-Horn mit?“ Sepp nickt entweder oder schüttelt den Kopf. „Also, dann holen wir Dich am Sonntag um 5.00 Uhr ab!“ Nicken, Fenster zu, Audienz beendet.

Auf den Bergtouren selbst hat der Sepp auch nie etwas erzählt, bis wir ihn doch einmal beim Reden ertappten: Der Volkmar, die Gabi, ich und der Sepp fuhren, mit der oben geschilderten Methode, ins Loferer Hochtal. Unter einem Baum warteten wir ein Gewitter ab und gingen dann Richtung Schmidt-Zabierow-Hütte, um anderntags das Ochsenhorn zu packen (nomen est omen). Durch die Nässe angelockt, krochen zahlreiche Feuersalamander auf dem steinigen Weg, denen wir sorgfältig auswichen. Wir weit voraus, der Sepp aber gleich dahinter. Als unser Vorsprung groß genug war, versteckten wir uns hinter einem riesigen Stein. Wir wollten den Sepp unbemerkt vorbei lassen, um hinterher sein erstauntes Gesicht zu genießen. Wir waren kaum hinter dem Stein, als jemand vorbeikam, der ununterbrochen redete: „Ja, du hübscher kleiner Feuersalamander, ich bin der große Feuersteiner, wie geht’s Dir denn?“ usw. usw…. Der Sepp trug ganz behutsam einen besonders schönen Feuersalamander in der Hand und pflegte verwandtschaftliche Beziehungen. Da hörte er uns hinter dem Stein kichern und schwieg wieder eisern. Seitdem wissen wir nicht nur, dass der kleine Sepp ein großes Herz hat, sondern auch, dass er reden kann. Wenn er will.