Der Analphabet

ca. 1963, erzählt von Klaus Seebauer

Zu jener Zeit begab es sich, dass der Hans und seine damalige Freundin in Solothurn in der Schweiz arbeiteten und am Wochenende die Schweizer Bergwelt heimsuchten. „Da müssen wir auch hin!“ sagten der Sepp, der Rainer und ich, und der Hans organisierte uns im Sommer, also in den „Semesterferien“, in Solothurn Arbeit und Quartier. Der Hans hatte damals schon ein Auto zur Fortbewegung, natürlich einen VW Käfer. Mit diesem fuhren der Hans, der Sepp und ich an einem Samstag in Solothurn los Richtung Wallis, wir wollten auf den Grand Combin, ein schwieriger Viertausender. Die Schwierigkeit beginnt schon beim Namen, der Hans sagte nämlich damals immer „Grand Kombi“ dazu. Es war auch die Zeit wo wir der Meinung waren, dass sich Wetter und Wetterbericht nach uns richten sollten. Der Wetterbericht fürs Wochenende war nämlich schlecht. Auf der langen Autofahrt quer durch die Schweiz erläuterte der Hans uns die Schweiz anhand der Ortsschilder, die wir zahlreich passierten. So klang’s z.B. „Col du Moses“ statt „Col dü Mosses“ usw. Spätestens nach Eintritt in den Kanton Fribourg, wo die französische Schweiz beginnt, konnte ich das nicht mehr hören und sagte spontan und kühn bei nächster Gelegenheit: „Bemüh Dich gar nicht weiter, Hans, der Sepp kann sowieso nicht lesen!“ Und der Sepp, der hinten saß, nickte stumm dazu.

Dass jemand nicht lesen kann, konnte der Hans zunächst gar nicht glauben. Er machte immer wieder den Versuch, anhand von einfachen Ortsnamen wie Aigle (spricht man Agl) dem Sepp auf den Zahn zu fühlen, doch wir beide – obwohl nicht abgesprochen – beharrten auf der Angelegenheit. Irgendwie, so glaube ich heute, hat der Sepp was von einer längeren Krankheit erzählt, während der seine Klassenkameraden lesen lernten, und als Spengler musst Du ja auch kein Schriftgelehrter sein, sagte er zum Hans.

Der Hans ist ja gelernter Schriftsetzer, und als Buchstaben-Jongleur konnte er es gar nicht fassen, dass heute noch jemand nicht lesen kann. Inzwischen waren wir in Bourg St. Pierre am Großen St. Bernhard-Pass angekommen und stiegen den langen fünfstündigen und vom Haute-Route- Gehen bekannten Anstieg auf die Cabane de Valsoray. Zeit für Hans, dem Sepp wenigstens die einfachen großen Buchstaben wie I , L etc. zu erklären. Auf der Hütte half der Hans auch brav beim Eintragen ins Hüttenbuch, ich durfte übersetzen („für was hamma Di aufd Schui gschickt!“). Nachts kam die angesagte Schlechtwetter-Front, der Sturm heulte um die Hütte. Eine Hochtour kam nicht infrage, also pressierte es am Morgen gar nicht. Als der Hans in den Gastraum runterkam, saß der Sepp an unserem Tisch…. und las Zeitung (!!!).

Natürlich redete der Hans in der Hütte, beim langen Hüttenabstieg und der noch längeren Heimfahrt nach Solothurn mit Sepp und mir kein einziges Wort mehr.