Auf der Windschneid

ca. 1950 – 1955, erzählt von Hans Rucker

Die Windschneid ist die dem Klausenwirtshaus am nächsten stehende Berghütte. Solange ich mich erinnere, waren die Pächter der Biwei (Pius) und nach dessen Tod seine Tochter Karin. Aber auch gern gesehene Gäste sah man oft bei der Windschneid. Da ging einmal der Max mit zwei Dirndl, der Anni und der Resi, auf die Klausen, und sie quartierten sich in der Windschneidhütte ein. Der Max war ein stämmiges Mannsbild. Man sagte ihm auch nach, dass er ziemlich viel essen konnte, wobei er die besonders in Notzeiten sich bewährende Eigenschaft besaß, sozusagen auf Vorrat essen zu können.

Nach einem kräftezehrenden Aufstieg, der durch Tiefschneespuren nicht gerade erleichtert wurde, sagte der Max, nachdem die drei in der Hütte angekommen waren: „I mach glei a Feuer, und ihr zwoa Weiber richt’s fei glei zum Essen her, weil i an sakrischen Hunga hab.“ Es dämmerte schon draußen, und beim flackernden Schein der Petroleumlampe wurden die Rucksäcke ausgepackt. Während die Resi ihr mitgebrachtes Mehl in eine Schüssel schüttete, sagte sie zur Anni: „geh weida, gib mir a no des Mehl von dir, schau weil’s pressiert, denn den Max hungert’s scho ganz damisch“. Da antwortete die Anni: „Was für a Mehl? Es war doch nia die Red, dass a i a Mehl mitnehma soll, i hob nur an Butter dabei“. Da gab’s also ein kleines Missverständnis. Jedenfalls stand fest, dass für eine richtige Portion Schmarrn, wie sie der hungrige Magen von Max gebraucht hätte, zu wenig Mehl mitgenommen worden war.

So suchte die Resi die sich in der Hütte befindlichen Vorräte ab, und sie fand tatsächlich eine Dose weißen Pulvers, das sie als Mehl identifizierte. Als dann Mehl, Eier und Milch zum Schmarrn-Teig zusammengerührt wurden, fühlte sich der Teig etwas zäh an, aber da der Max schon dauernd darauf drängte, dass bald etwas Essbares auf den Tisch kam, achtete man nicht besonders darauf, und mit einer richtigen Portion Butter, die am Pfannenboden ausgelassen war, wird der Schmarrn dann schon rutschen. Der Max aß gierig den zähen Schmarrn hinunter, und die zwei Dirndl aßen lieber ein Butterbrot und etwas von der mitgebrachten Wurst.

Hernach war dem Max gar nicht mehr wohl, und er rief: „Jetzt brauch i unbedingt an Schnaps! Der Schmarrn liegt mir wia a Stoa im Magen.“ Trotz ein paar Stamperl Obstler ging es dem Max immer schlechter. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, er bekam Angstgefühle, rannte immer mal wieder vor die Hüttentüre und draußen herum, um dann wieder als einziges Mittel zur Schnapsflasche zurückzukehren. Sitzen oder Liegen hielt er gar nicht aus. Der Max lief die ganze Nacht hin und her, jammerte, plärrte und fluchte. Einen Arzt zu holen, war in dieser Winternacht bis da herauf unmöglich.

Als der neue Tag anbrach, machten sich die drei auf den Weg ins Tal, um in Aschau den Arzt aufzusuchen. Die Resi konnte es gar nicht fassen, dass der von ihr zubereitete Schmarrn an dem Elend vom Max schuld sein sollte. Bevor sie die Hütte verließen nahm sie noch mal die Büchse zur Hand und drehte sie herum. Plötzlich fuhr ihr der Schreck durch die Glieder, als sie ganz unten an der Büchse das mit Bleistift hingekritzelte Wort „Gips“ las. Das hatte sie im schummrigen Kerzenlicht am Vorabend nicht lesen können.

Als dann der Max völlig fertig beim Dr. Stocker zur Behandlung war, sagte der Arzt zu ihm: „A anderer wia Du waar mit dem eingipsten Magen bestimmt scho g’storben, aber so a Magen wia der Deinige hat a des ausg’halten“.